Terrae Incognitae – D'Mier als koloniale Raum am Kino
Talking Pictures
- Lieu :
- Centre national de l'audiovisuel - 1b, rue du Centenaire, 3475 Dudelange
- Dates :
- Le 28.11.2026 à 10:00
(Ce texte n'existe pas en français.)
Das Meer ist im Historien- und Abenteuerkino immer auch ein politischer Raum. Vom Auslaufen des Schiffes über die Passage bis zur Ankunft an fremden Küsten – die Filmgeschichte zeichnet die Etappen kolonialer Expansion als Abfolge maritimer Schwellenmomente nach: der Hafen als Ort des Aufbruchs und der Rückkehr, das Schiff als schwimmende Ordnung aus Hierarchie und Gewalt, die offene See als Raum der Entgrenzung, die Küste als Schauplatz der Erstbegegnung und schließlich das Landesinnere als Territorium, das kartografiert, erkundet und erobert wird.
Der Vortrag untersucht, wie das Kino diese Etappen inszeniert und dabei koloniale Machtverhältnisse sichtbar macht. Im Zentrum stehen die maritimen Expeditionen als Urszenen kolonialer Raumaneignung: die Entdeckungsfahrten der Konquistadoren, die Kriegszüge der imperialen Seemächte, die Sklaventransporte der Middle Passage – jede dieser Fahrten verdichtet in sich die Logik des Kolonisierens. Flüsse führen ins Innere unbekannter Territorien, Küstenlinien werden zu Frontlinien der Aneignung, und die Vermessung des Landes vollendet, was die Seefahrt begonnen hat. Die Piraterie entwickelte sich dabei mitunter zur Gegenökonomie zum imperialen Handel; dass diese Strukturen bis in die Popkultur nachwirken, zeigt nicht zuletzt die Pirates of the Caribbean-Reihe, in der die East India Company als Antagonistin koloniale Machtlogik zugleich ausstellt und konsumierbar macht.
Ausgehend von Joseph Conrads Heart of Darkness und Herman Melvilles Moby-Dick als literarischen Leittexten spannt der Vortrag einen Bogen von den Expeditionsfilmen der Stummfilmära über Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) und Steven Spielbergs Amistad (1997) bis zu Peter Weirs Master and Commander (2003), Lucrecia Martels Zama (2017), Mati Diops Atlantique (2019) und der Serie The Terror (2018), die die gescheiterte Franklin-Expedition in die Arktis als Allegorie imperialer Hybris erzählt. Anhand dieser und weiterer Beispiele zeigt der Vortrag, wie das Kino das Meer als politischen, ökonomischen und mythologischen Raum entwirft – und wie der Film selbst zum Medium kolonialer und antikolonialer Imagination wird.
Conférencier : Yves Steichen
Langue : LU avec interprétation simultanée en français
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